MARX ERLEBEN MARX-AUSSTELLUNG

Romantiker statt Rationalist

4. August 2017

Rationalist und Romantiker  

Karl Marx ist vor allem als Analytiker und revolutionärer Denker in die Geschichtsbücher eingegangen. Doch Marx hatte noch eine ganz andere Seite, eine poetische, romantische. So schrieb der junge Marx zahlreiche Liebesbriefe und Gedichte, die meisten davon widmete er seiner Verlobten und späteren Frau Jenny. Eine kleine Kostprobe gefällig?

Kennst Du das süsse Zauberbild,
Wo Seelen in einander fliessen,
In einem Hauche sich ergiessen,
Melodisch voll und freundlich mild?
Sie glühen auf in einer Purpurrose,
Und bergen sich verschämt im weichen Moose.

Man kann kaum glauben, dass diese Zeilen vom Verfasser des berühmten „Kapitals“ stammen. Der Auszug ist dem „Buch der Lieder“ entnommen, einem der beiden Gedichtbände, die Marx herausbrachte. Es gibt sogar noch einen zweiten Band aus der Feder von Karl Marx: Das „Buch der Liebe“, eine ganze Sammlung romantischer Gedichte für Jenny.

Schon Marx‘ Jugend war geprägt vom Geist der Romantik, schließlich war er Zeitgenosse von Jean Paul, E.T.A. Hoffmann und den Brüdern Grimm. In den Bonner Studienjahren schloss sich Marx auch  einem literarischen Zirkel an. Seine Zeilen sandte der junge Student sogar dem Vater per Brief zur Erstbegutachtung. Karls Interesse für Lyrik nahm noch zu,  als er für sein Studium nach Berlin zog. Er las Shakespeare und Homer. Insgesamt hat er mehr als 400 Druckseiten Gedichte verfasst, und daneben auch eine Tragödie und die Novelle „Skorpion und Felix“.

Und zeitlebens  bewunderte  Marx Heinrich Heine, mit dem er entfernt verwandt war und den der 1843 in Paris kennen lernte. Wer das kommunistische Manifest genau unter die Lupe nimmt, findet dort sogar Anleihen an Heines Gedichte und Essays.

Marx verfügte über ein virtuoses Sprachgefühl. Er war ein Autor, der aus dem Vollen der Poesie schöpfen konnte und um die Wirkung seiner Worte wusste. In der marxistisch-leninistischen Marx-Deutung wurde diese poetische Dimension von Marx‘ Schriften jedoch geflissentlich ignoriert, schließlich wollte sie nicht so ganz zu dem Bild von Marx als streng wissenschaftlichem Vater des Historischen Materialismus passen. Ein Versäumnis, wie die jüngsten biografischen Annäherungen zeigen.

Die Bücher sind der Nachwelt erhalten geblieben. Von den zahlreichen meist nicht erhaltenen (Liebes-)Briefen sind nach Karls Tod leider viele vernichtet worden. Aber zumindest die, die in der Landesausstellung gezeigt werden, geben einen Eindruck von dieser eher unbekannten Seite des Menschen Karl Marx.

 

 

Darum laßt uns alles wagen,
Nimmer rasten, nimmer ruhn;
Nur nicht dumpf so gar nichts sagen
Und so gar nichts wolln und tun.
 Nur nicht brütend hingegangen,
Ängstlich in dem niedern Joch,
Denn das Sehnen und Verlangen
Und die Tat, sie bleibt uns doch.

(aus „Empfindungen“, Buch der Liebe. Zweiter Theil, 1836)

 

 

Hat ein Gott mir alles hingerissen,
Fortgewälzt in Schicksalsfluch und Joch,
Seine Welten – alles – alles missen!
Eines blieb, die Rache blieb mir doch.
An mir selber will ich stolz mich rächen,
An dem Wesen, das da oben thront,
Meine Kraft sei Flickwerk nur von Schwächen,
Und mein Gutes selbst sei unbelohnt!

(aus „Des Verzweiflenden Gebet.“, Gedichte meinem theuren Vater zum Geburtstage, 1837)

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